
20. Juli 2026
Feed me – Reel Talk
Manche Berufe sind ein Beziehungsstatus: „Es ist kompliziert.“ Morgens küsst man den Algorithmus, abends verflucht man die Kommentarspalte und dazwischen liegt ein ganzer Arbeitstag in der Gastronomie.
In unserem Battle stehen sich Bea Baumann-Schmidt, Social Media Managerin @heckers_restaurant.cafe.bar und Monika Kowalkowska, Gastro Insiderin & Köchin @gastro_kollegen, gegenüber.
Was glauben alle über deinen Job und liegen voll daneben?
Bea:…die Legitimation. Sprich: Skepsis und (unmögliche) Erwartungshaltung spielen Pingpong.
Monika: Dass ich den ganzen Tag mit dem Handy durch die Küche laufe. Dabei habe ich deutlich öfter ein Messer in der Hand. Und nur weil ich Content mache, bin ich für manche plötzlich keine richtige Köchin mehr. Content hat mich aber nie von der Gastronomie weggebracht. Er hat mir nur die Möglichkeit gegeben zu zeigen, was für eine geniale und komplett bekloppte Branche wir eigentlich sind. Eine Branche voller Leidenschaft, Wahnsinn, Chaos, Herzblut und Geschichten, die sich niemand ausdenken könnte. Genau darüber rede ich. Über das Gute genauso wie über den kompletten Irrsinn. Gekocht wird trotzdem immer noch. Content entsteht erst, wenn dafür überhaupt Zeit ist.
Welche Frage löst sofort inneren Flugmodus aus?
Bea: „Wir müssen/brauchen/wollen dringend XYZ. Kannst du das bewerben?“ Da schalte ich am liebsten sofort auf Flugmodus und Shut down.
Monika: Als Köchin ganz klar: „Kann ich das bitte ohne …?“ Vor allem ohne Zwiebeln, Knoblauch oder Salz. Manche Gäste glauben, wir fangen erst an zu kochen, wenn der Bon aus dem Drucker kommt. Als würden wir vorher noch schnell in den Wald gehen, das Reh schießen, danach einkaufen fahren und den Brokkoli extra für sie blanchieren. Spoiler: Der Brokkoli ist längst blanchiert. In Salzwasser. Überraschend, ich weiß. Als Content Creator: „Woher nimmst du eigentlich die Zeit?“ Keine Ahnung. Wahrscheinlich aus derselben Schublade, aus der Köche jeden Tag Zeit für Mise en Place, Service, Überstunden und den ganz normalen Wahnsinn ziehen. Wer in der Küche überlebt, lernt irgendwann, die Uhr zu verarschen.
Dein toxischer Arbeitsreflex?
Bea: Betrifft vor allem die App Instagram: Immer alle Accounts in einer bestimmten Reihenfolge durchgehen und die Zahlen checken, wenn ich die App öffne. Bin ich jetzt peinlich oder paranoide?
Monika: Als Content Creator kommt zuerst mein Social-Media-Trauma. Ich scrolle durch Instagram und denke mir bei manchen Reels nur: Kollege… an welcher Abzweigung hast du dich eigentlich komplett verfahren? Als Köchin wird’s aber noch schlimmer. Ich kann kein Restaurant mehr normal betreten. Ich scanne automatisch die Toiletten, das Besteck, die Fingernägel im Service und die Fingernägel der Köche. Meine größte Gastro-Macke ist aber das Waschen. Ich wasche wirklich jedes Obst und Gemüse, bevor es auf ein Brett kommt. Deshalb bestelle ich meinen Döner fast immer ohne Tomaten und Gurken. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil sofort das Kopfkino angeht. Ich stelle mir sofort vor, dass das Gemüse ungewaschen auf dem Brett gelandet ist und sich irgendeiner zwei Minuten vorher noch am Arsch gekratzt hat. Ob das wirklich so war? Keine Ahnung. Mein Kopf ist da einfach schneller als die Realität.
Welcher Content funktioniert immer, obwohl du dich dafür ein bisschen schämst?
Bea: Ganz klar Reels in denen ich singe. Zum Beispiel auf der Theke im Restaurant oder im Büro. Spoiler: Ich kann absolut nicht singen.
Monika: Gäste-Roasts. Nicht, weil wir Gäste hassen, sondern weil wirklich jeder aus der Gastro diese Situationen kennt. Was ich nicht raffe, sind Restaurants, die ihre eigenen Gäste sogar roasten.
Welche App klaut dir heimlich dein Leben?
Bea: Jede Editing App ever. Ich kann mich stundenlang in Details verlieren, manchmal zurecht und manchmal absolut sinnlos. Aber ich lieb’s nach wie vor.
Monika: YouTube. Wahrscheinlich bin ich Masochistin. Ich schaue Kochshows, Gastro-Dokus, kulinarische Reportagen, Podcasts und Interviews. Eigentlich dreht sich mein kompletter Algorithmus um Gastronomie.
Wie oft sagst du privat: „Nur noch ein Bild“?
Bea: Selten bis gar nicht mehr ehrlich gesagt. Ich liebe Ästhetik, aber Authentizität holt mich intensiver ab. Mit wachsender Social Media Präsenz ist meine Eitelkeit verschwunden.
Monika: Manche Teller sehen einfach pervers gut aus. Da ist es mir völlig egal, wie viele Fotos ich gemacht habe… ich mache noch zwanzig mehr. Spoiler: Ein halbes Jahr später finde ich die Bilder wieder und denke nur: Verdammt … der Teller hat damals wirklich abgeliefert.
Was nervt mehr: Gäste, die alles filmen, oder Chefs, die alles „viral“ wollen?
Bea: Weder noch. Am meisten nerven mich Updates und natürlich die Meta Business Suite. Killer!
Monika: Ganz klar die Chefs. Vor allem die, die von Social Media ungefähr so viel Ahnung haben wie ich von Quantenphysik, dir aber trotzdem erklären wollen, wie Instagram funktioniert. Und genau dann entstehen diese maximal peinlichen Reels, bei denen sich das ganze Team fremdschämt. Solidarische Grüße an alle Gastro-Kollegen, die schon mal unfreiwillig im Content ihres Chefs mitspielen mussten. Ihr seid nicht allein.
Was macht dich sprachlos?
Bea: Puh, schwer zu sagen. Vielleicht „Kann ich für mein YouTube Format Golfbälle aus eurem Teich fischen, um sie zu verkaufen?“?! Generell amüsiert mich aber auch die Facebook-Boomer-Community (no front), die humorvolle Instagram Crossposts zu ernst nimmt und sich über Unverschämtheiten echauffiert.
Monika: Kommentare von Leuten, die der Algorithmus falsch gelenkt hat und die nie auf meinem Account hätten landen sollen. Unter viralen Gastro-Reels liest du dann Sachen wie:„ Dann koche ich lieber zu Hause.“ Dann koch doch zu Hause. Als ich einmal gezeigt habe, wie Hummer in der Gastronomie nach deutschem Recht fachgerecht getötet werden, ist die Kommentarspalte sogar komplett eskaliert. Von Mordvorwürfen bis hin zu Todeswünschen. Ganz ehrlich? Wer anderen wegen eines Reels den Tod wünscht, sollte vielleicht zuerst über seine eigene Menschlichkeit nachdenken.
Was ist dein schlimmster Kamerarollen-Fund?
Bea: Sämtliches Footage von meinem Doppelkinn, weil ich mit zwei iPhones, Stativ und einer Kamera samt Objektiven in der Hand durchs Restaurant, über unser Dach oder auf dem Golfplatz umherlaufe und aus Versehen auf den Aufnahmebutton gekommen bin.
Monika: Definitiv die Videos von meinem ehemaligen Chef. Nach einer reparierten Whirlpool-Anlage kam er plötzlich in einem gestreiften Badeanzug um die Ecke und wollte unbedingt Content drehen. Das Problem war nicht der Badeanzug. Das Problem war, dass er hauteng war. Und das Schlimmste? Manchmal stolpere ich beim Scrollen immer noch zufällig über diese Videos. Löschen werde ich sie trotzdem nicht. Man weiß ja nie, wann man mal gutes Erpressungsmaterial braucht.







